Annette Lemler-Lauerbach
Diplom-Psychologin/ Gestalttherapeutin





Krise nach der Geburt



Sie sind gerade Eltern geworden. Ihr Baby war ein Wunschkind und Sie hatten sich die ersten Wochen mit dem Säugling als eine besonders glückliche und innige Zeit vorgestellt. Nun aber ist alles anders. Das erwartete Glücksgefühl will sich nicht einstellen. Sie haben vom Babyblues gehört, den viele junge Mütter (50-70%) aufgrund der hormonellen Umstellung nach der Geburt erleben. Der verschwindet jedoch noch einigen Tagen von selbst wieder. Sie als junge Mutter aber fühlen sich müde, antriebslos und oft überfordert. Manchmal haben Sie das Gefühl, keine richtige Beziehung zu Ihrem Kind aufbauen zu können. Sie empfinden sich als Versagerin, haben Schuldgefühle und aus Scham ziehen Sie nicht einmal Ihren Partner ins Vertrauen. Der weiß nicht, was mit Ihnen los ist und reagiert vielleicht mit Unmut und Unverständnis. Sie verlieren die Lebensfreude, schlafen schlecht und haben keinen Appetit mehr.

Für Sie und vor allem für Ihr Kind ist es von größter Bedeutung, dass Sie sich zügig Hilfe holen, bevor die Belastung für beide zu groß wird. In manchen Fällen können Gespräche mit der Therapeutin und Unterstützung beim Aufbau eines sozialen Netzes ausreichend sein, um Sie wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Wenn Sie über ihr Problem reden, werden Sie feststellen, dass Sie nicht alleine damit sind. Etwa 10-15% aller Mütter sind von einer Krise nach der Geburt betroffen.

Oft kündigt sich die postpartale Depression bereits in der Schwangerschaft an. Sie haben bereits da das Gefühl, sich nicht freuen zu können oder keinen Kontakt mit dem Baby in Ihrem Bauch aufnehmen zu können. Hier können therapeutische Gespräche einer Krise nach der Geburt mit den entsprechenden Folgen für Sie und Ihr Kind vorbeugen.

Bei schwereren Ausprägungen einer postpartalen Depression (oder auch Psychose) ist ein Klinikaufenthalt und eine medikamentöse Behandlung erforderlich. Die junge Mutter kann intensive auf das Kind bezogene Ängste oder Zwangsgedanken entwickeln. Sie kann Angst haben, sich selbst oder dem Kind etwas anzutun.

Ursachen für eine Krise nach der Geburt können sein: ein traumatisches Geburtserlebnis, endokrinologische und hormonelle Veränderungen, seelische Faktoren (wie vorausgegangene psychische Störungen oder belastende Ereignisse im Vorfeld oder während der Schwangerschaft) sowie gesellschaftliche und soziale Bedingungen (Mythos Mutterschaft, zu hohe Erwartungen, Rollenspagat).

Wenn postpartale Depressionen psychotherapeutisch behandelt werden, haben sie eine sehr gute Prognose und verschwinden meist komplett im Laufe des ersten Jahres. Thematisiert werden enttäuschte Erwartungen, hohe Ansprüche an sich selbst, mangelnder Selbstwert, die Beziehung zum Kind, die Veränderungen in der Partnerschaft, die eigene Bedürftigkeit, Schuld- und Versagensgefühle, der Abschied vom alten Leben. Oft kommt es zu einer Reinszenierung eigener frühkindlicher Erfahrungen. Eigene unerfüllte Sehnsüchte nach Versorgtwerden und die oft ambivalente Beziehung zur eigenen Mutter können zur Sprache kommen.

Die Partner werden in die Beratung mit einbezogen, denn es ist wichtig, dass sie Verständnis für die psychische Verfassung ihrer Partnerin entwickeln, um ihr einfühlsam und unterstützend zur Seite stehen zu können. Aber auch ihre Enttäuschung, Überforderung und Hilflosigkeit muss einen Platz haben, ihre Unterstützung muss gewürdigt werden.

vgl. Anke Rohde. Rund um die Geburt eines Kindes: Depressionen, Ängste und andere psychische Probleme. Ein Ratgeber für Betroffene, Angehörige und ihr soziales Umfeld. Kohlhammer-Verlag, Stuttgart, 2004.




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